Angehörige und Sterbebegleitung (in: Heilbronner Stimme vom 30.9.2003)

 

„Ist es auch Sterbebegleitung, wenn ich Angehörige begleite?“ Diese provokante Frage stellte Ulrike Schmid den ehrenamtlichen Hospizhelferinnen  aus Heilbronn gleich zu Beginn ihres Fortbildungsseminars im kath. Gemeindehauses St. Clara in Flein. Die renommierte  Fachkrankenschwester in Palliativ-Care aus Bietigheim wollte damit von Anfang an den Blickwinkel in der Sterbegleitung weiten. Denn wer nur den Sterbenden allein sehe, vernachlässige die Angehörigen, wobei unter Angehörigen auch Freunde und Nachbarn zu verstehen seien.

Jeder sterbende Mensch lebe in einem System von Beziehungen, das in der Sterbebegleitung eine große Rolle spiele. Denn der bevorstehende Tod ist nicht nur ein großer Umbruch, eine Krise für den Sterbenden, sondern für alle Betroffenen aus dem unmittelbaren Umfeld des Sterbenden. Dies müsse in der Begleitung unbedingt beachtet werden, um mögliche Ressourcen zu erschließen, noch mehr jedoch die oft großen Nöte und Sorgen der pflegenden Angehörigen zu erkennen. Häufig pflegen die Angehörigen bis über den Rand des Tragbaren hinaus. Hier können die Hospizhelferinnen für vielerlei Entlastungen sorgen, da sie nicht unter einem pflegerischen Kosten-Nutzeneffekt handeln müssen, jedoch unter Schweigepflicht stehen. Sie werden so zu wichtigen Ansprechpartnerinnen für Sterbende und Angehörige gleichermaßen. Sie schaffen Freiräume zur Erholung für die pflegenden Angehörigen, hören ihre Ängste und Befürchtungen und können den sterbenden Menschen praktisch bis zuletzt motivieren, selbst aktiv zu bleiben. Frau Schmid: „Es gibt keinen Menschen, der nichts mehr kann.“ Aus langjähriger Hospizerfahrung, davon 6 Jahre im renommierten St. Christopher-Hospiz in London, kann sie von vielen Beispielen berichten, wie sterbende Menschen aktiviert werden können. So mache es einen Unterschied, ob einem sterbenskranken Menschen das Gesicht einfach abgewaschen wird oder ob er mit Unterstützung einer Helferin den Waschlappen selbst führen kann.  

In angeregten Diskussionen konnten sich die ehrenamtlichen Helferinnen an diesem Vormittag über viele intensive und positive Erfahrungen austauschen. Gleichzeitig wurde aber betont, dass die Schwelle, in einer solchen Lebenskrise sich Hilfe von außen zu holen, immer noch sehr groß ist. Scheinbar sei es in unser Gesellschaft immer noch eine hohe Hürde, sich selber einzugestehen und dem eigenen Umfeld zu vermitteln, dass man auf Hilfe angewiesen sei.

 

Diakon Klaus-Dieter Pape

Mitglied im Vorstand des Hospizdienstes, Heilbronn