Nicht
erst seit der Ankündigung des Schweizer Vereins Dignitas, in Deutschland
eine Zweigstelle zu eröffnen, um auch hier zu Lande die aktive Sterbehilfe zu
fördern, ist das Thema „aktive Sterbehilfe“ kein Tabu mehr. Erst vor wenigen
Tagen belegt eine Umfrage: eine deutliche Mehrheit in unserem Land befürwortet
die gesetzliche Einführung der aktiven Sterbehilfe.
Die
Diskussion zu diesem Thema ist emotional und sehr komplex. Es geht viel um
Angst vor langem und sinnlosem Leiden, vor unnötiger Leidensverlängerung durch
Apparatemedizin, vor qualvollen Schmerzen im Sterbeprozess.
So
sehr verständlich diese Ängste sind,
ist die Gefahr recht groß, dass aufgrund der Vielschichtigkeit nur noch
Teilaspekte gesehen werden. Diese werden
dann oft genug verabsolutiert und für wirtschaftliche Interessen
einseitig ausgenützt.
Geburt
und Tod sind Geschwister
Beides
gehört zusammen: ein würdiges „in-die-Welt-Kommen“ und ein würdiges
„aus-der-Welt-gehen“. Sterben ist viel mehr als Schmerz, Leid und Trauer. Die
banale Wahrheit ist: der Mensch wird geboren und er stirbt. Trotz mancher
Versuche an dieser Tatsache zu rütteln, wissen wir, den unsterblichen Leib
des Menschen wird es nie geben. Auch das längste irdische Leben geht eines
Tages zu Ende. Diesem Ende folgt für einen Christen ein Neubeginn. Gottes Ja
zum Menschen endet nicht mit dem Tod, die Würde bleibt ihm bis in die letzte
Sekunde des Lebens von Gott geschenkt und darüber hinaus.
Die
Menschheit wäre schon längst ausgestorben, wenn nur auf die möglichen
Komplikationen, Gesundheitsgefährdungen und Geburtsschmerzen einer Schwangerschaft
geschaut würde. Paare nehmen solche Risiken auf sich, auch wenn sie vorher
nicht wissen, wie sich alles entwickelt. Sie vertrauen, dass es gut ist, wie es
ist. So wie jede Geburt einzigartig und einmalig ist, ist auch Sterben eines
Menschen jeweils einmalig und einzigartig.
Heilvoller
Abschied
Wer
beim Sterben eines Menschen dabei war, weiß wie unglaublich wichtig diese
letzten Tagen, Stunden und Minuten für den Sterbenden und die
Angehörigen sind. Da geht es nicht mehr um Schmerz und Angst. Da heißen die
Themen: Erledigen von Unfertigem, die versöhnliche Heilung von Verletzungen und
die Erkenntnis: „Danke, es war gut so, wie es war“.
Dies
bedeutet weder eine Ausblendung noch eine Glorifizierung von Leid, ganz und gar
nicht. Im Sterben werden wir mit vielfachen Nöten konfrontiert. Wer aber nur
angstvoll auf das Leiden schaut, verliert vieles andere und viele andere aus
dem Blick und lässt vieles unerledigt zurück.
Im
Sterben muss sich niemand allein und verlassen fühlen. Seit mehr als 25 Jahren
gibt es stationäre Hospize und Hospizdienste. Allein in Deutschland begleiten Hunderttausende sehr gut
ausgebildete und kompetente Frauen und Männer Sterbende und ihre Angehörige.
Hospizhelferinnen
sind für mich Hebammen für das andere Leben, das beginnt, wenn wir das alte
Leben loslassen können. Bundespräsident Horst Köhler hat dies kürzlich so
formuliert: „Nicht durch die Hand eines anderen sollen die Menschen sterben,
sondern an der Hand eines anderen.“
Die
Angst vor Schmerzen anlässlich einer unheilbaren Krankheit ist inzwischen unbegründet.
In Deutschland muss niemand mehr unter Schmerzen sterben. Mit der Palliativmedizin
ist gelungen, einen Sterbenden schmerzfrei zu begleiten.
So
wie es bei der Geburt eine Kultur des Lebens gibt, muss es am Ende auch eine
Kultur des Sterbens geben. Beides gehört zu einem menschenwürdigem Leben.
Diakon Klaus-Dieter Pape, im Vorstand des Hospizdienstes Heilbronn 10/05