In den letzten Monaten gab es eine groß angelegte
Medienkampagne der deutschen Bundesregierung, die unter dem Motto lief:
„Du bist Deutschland“. Man sah dabei in den Werbespotts und auf den Plakaten
zahlreiche Menschen, die möglichst die ganze Bandbreite unserer
Gesellschaft darstellen sollten. Da waren Menschen mit unterschiedlicher Hautfarbe
zu sehen, Alte, Junge, Reiche, Arme, Prominente und Unbekannte, Menschen mit
Behinderung, Sportprofis u.v.a.m. Alle zusammen sollten signalisieren:
so unterschiedlich ist Deutschland und dennoch gehören wir alle zusammen.
Wie würde ein Werbespot für
unsere Kirche aussehen? „Du bist Kirche!“ Tauchten da auch Menschen
aus den unterschiedlichsten Schichten auf, aus denen unsere Gesellschaft
besteht? In der soziologischen Wissenschaft geht man heute davon aus, dass
10 deutlich unterscheidbare Milieus die deutsche Gesellschaft prägen. Das
Ergebnis einer Erforschung dieser Milieus im Auftrag der deutschen Bischofskonferenz
im Jahre 2005 ergab, dass die katholische Kirche nur noch in drei Milieus
verwurzelt ist: Und das sind die Milieus, aus denen die rund 10% der
sonntäglichen Gottesdienstbesucher kommen. Die Menschen in den anderen Milieus
stehen der Kirche skeptisch bis ablehnend gegenüber.
Diese
Studie wurde von der Bischofskonferenz in Auftrag gegeben auf dem Hintergrund,
dass sich die 27 deutschen Diözesen in einem starken Veränderungswandel
befinden. Finanz- und Priestermangel zwingen die Bistümer zum Handeln.
Vielen
Menschen machen diese Veränderungen Angst und Sorgen, den Mitarbeitern
und den Gemeindemitgliedern. Manchmal beschleicht da einem die Sorge, dass
die Kirche keine Zukunft mehr habe. Zudem bricht der Kirche die Jugend weg.
Lässt
uns Gott im Stich?.
Wir sind es gewohnt Kirche gerade vor Ort vor
allem an der Gottesdienstgemeinde zu messen. Etwas überspitzt formuliert
könnte man so zum Eindruck gelangen, wir sind die einzigen, die sich noch zu
Gott bekennen und versuchen aus seiner Liebe zu leben. Wie stehen wir aber in
10, 15 Jahren da? Stirbt dann Kirche in Deutschland unweigerlich aus? Hat der
Heilige Geist dann seinen letzten Atemzug hier getan?
Gerade
nach Pfingsten können wir erkennen, dass der Heilige Geist in der Breite wirkt
und weht. „Der Geist Gottes verausgabt sich in der Fläche und beschränkt
sich nicht auf Sonderorte“, betont der Theologe Jürgen Werbick.
Kirche
ist daher nicht nur Ortskirche, sondern es gibt noch viele andere Orte von
Kirche, so z. B.: die Menschen in ihren Lebensgeschichten! Du bist Kirche,
diese Zusage gilt allen Milieus!
Menschen, die nach Gott fragen, nach ihm suchen,
an ihm verzweifeln, sich von ihm getragen wissen; die gibt es noch viele in
der Ortsgemeinde, aber eben nicht nur dort! Damit Kirche Zukunft hat,
brauchen beides: wir brauchen Orte, an denen Menschen sich verwurzeln können
(das werden weiterhin unsere Gemeinden und unsere Kirchen als Stützpunkte
sein), aber heutzutage sind eben die Glaubensräume nicht mehr identisch mit
den Lebensräumen. Nicht nur ihm bisher erprobten Rahmen der Kirchengemeinden
ereignen sich allein Glaubenswege, sondern auch in vielfältigen anderen Orten
und Biographien.
Die Kirchengemeinden halten weiterhin Orientierungsorte
zugänglich, an denen Menschen mit ihren Fragen aufgehoben sind, und „aus
der Kraft der Tradition die Sehnsucht nach Gerechtigkeit wachgehalten wird“.
Jedoch wird auch jenseits dieser Orte Zeugnis von
der Hoffnung abgelegt, die von Gott genährt wird. Bischof Dr. Joachim Wanke
aus Erfurt sieht daher eine „kopernikanische Wende“ in der Kirche: Das
Gewohnheitschristentum wandle sich zum Bekenntnischristentums. Und er sieht
neue Orte, wo dies geschieht und nennt solche Orte „Biotope des Glaubens“.
Und
da sehen und spüren wir vieles, was aufbricht. Aus der Sehnsucht heraus nach
dem „Mehr“ suchen Menschen Orte auf, an denen sie Begegnungen mit der
anderen Wirklichkeit suchen. Uns allen bekannt sind: die Klöster, die neuen
geistliche Bewegungen, Taizé. Immer stärkeren Zulauf finden aber auch Autobahnkirchen,
die Citypastoral in den Innenstätten.
In Krankenhäusern, Gefängnissen, Flughäfen erleben die dortigen
Seelsorger Menschen auf der Suche nach Gott; Seelsorger für AIDS-kranke,
Zirkusleute, Schausteller, Anlaufstellen für Drogenabhängige und Prostituierte
können ähnliches berichten.
Und
es geht an solchen Orten, wie auch in unseren Ortskirchen ganz stark um Glaubwürdigkeit.
Sind wir es wert, dass uns abgenommen wird, in uns sei ein Zeugnis der
göttlichen Liebe zu finden? Du bist Kirche!
Diakon Klaus-Dieter Pape 6/06