Geschieden = Gescheitert?

 

Stellen Sie sich bitte einmal folgende Szene vor: „Ein Ehepaar entschließt sich zur Trennung und überlegt die Scheidung. Beide sind in der Kirchengemeinde aktiv und ins Gemeindeleben vielfältig eingebunden. Einer der beiden Partner informiert am Ende des Sonntagsgottesdienstes bei den Vermeldungen die Gemeinde, bittet um Verständnis und Gebet.“

Wie würden Sie reagieren, wenn eine solche Erklärung nächsten Sonntag bei Ihnen im Gottesdienst vermeldet wird? Sie meinen, so was ist bei uns nicht möglich?

Machen wir uns nichts vor, in unserem Land wird derzeit mehr als jede dritte Ehe geschieden. Paare, die nicht verheiratet waren, sich aber nach vielen Jahren getrennt haben, sind in dieser Zahl noch gar nicht erfasst. Diese zerbrochenen und zerbrechenden Beziehungen machen vor unseren Kirchengemeinden keineswegs halt. Scheidung mit allen sich daraus ergebenden Problemen und Krisen ist auch Alltag in unserer Kirche und in unseren Gemeinden.

Es ist allzu menschlich und verständlich, dass wir Krisen ungern erleben und sie meiden möchten. Aber es gibt sie und es trifft jeden von uns einmal. Eine Scheidung ist eine der schlimmsten Krisen, die Menschen erleben können. Nicht selten wiegt das Gewicht des Zerwürfnisses so schwer, dass die Partner sich in einem sog. „Rosenkrieg“ trennen. Können wir uns vorstellen, dass wir als Christen, als Gemeinde hier gefragt sind? Bei der Ehevorbereitung und der Hochzeit ist das absolut kein Thema. Aber bei einer Scheidung? Sind die Geschiedenen doch nur Gescheiterte und die Wiederverheirateten Geschiedenen „offenkundig schwere Sünder“ ? Wo stehen wir als christliche Gemeinde? Urteilen, verurteilen, grenzen wir aus, oder sind wir zur Barmherzigkeit bereit, zu die uns Jesus immer wieder ruft?  

Vermutlich sind wir uns als Christen und als Kirchengemeinde noch gar nicht recht der Verantwortung bewusst, die wir für Menschen tragen, die eine solche schmerzhafte Krise durchleben, deren Lebenswirklichkeit praktisch gespalten worden ist. Das zweite Vatikanische Konzil hat dies in der Konstitution Gaudium et Spes vor 35 Jahren so beschrieben: „Freude und Hoffnungen, Bedrängnis und Trauer der Menschen heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind zugleich auch Freude und Hoffnung, Trauer und Bedrängnis der Jünger/innen Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihrem Herzen seinen Widerhall fände“ (GS Nr. 1).

Wo Menschen fallen und nicht mehr aufstehen können, sind wir zur Anteilnahme gerufen. Als Nachfolger und Nachfolgerinnen Christi können wir uns mit seiner Hilfe und in seinem Geist den scheinbar aussichtslos Gescheiterten zuwenden und ihnen auf die Beine helfen – auch zu unserer eigenen Entwicklung!

In der Pastoral geht es gnadentheologisch um die Annahme der Menschen, so wie sie sind... Die ganze Gemeinde braucht diese Hoffnung, dass wiederverheiratete Geschiedene dazugehören und in die Gnade Gottes aufgenommen sind“, erklärt der Pastoraltheologe Ottmar Fuchs. Wer mag schon ernsthaft auf die Charismen dieser Menschen verzichten? Nicht umsonst betonte Bischof Karl Lehmann schon 1972: „Eine wirkliche Pastoral für gescheiterte Ehen bezieht sich auf die ganze Gemeinde und verlangt jedem eine Sinnesänderung ab.“ 

Für die „Welt“ der Starken, der Unverwundbaren, der Helden mag die Formel gelten: „Geschieden = gescheitert = abgeschoben bzw. ausgegrenzt“. Für uns als Kirche Jesu Christi, kann sie nicht gelten. Wir sollten nicht vergessen: „Wer die eigene Wahrheit aushält, braucht keine Sündenböcke zur Verschleierung seiner eigenen Abgründe mehr zu produzieren“(Ottmar Fuchs).

Stellen Sie sich vor, am nächsten Sonntag gibt ein Paar in der Kirche seine Trennung bekannt ....

 

Diakon Klaus-Dieter Pape 11/2000