„Ich habe rebelliert gegen den lapidaren Satz, ein
paar Schläge hätten noch niemanden geschadet. Ich habe den Kriegsdienst
verweigert mit dem Argument, dass Gewalt immer Gegengewalt provoziert. Ich habe
mich mit Deeskalationsstrategien gegen Gewalt auf der Straße beschäftigt, als
die rechte Hetze gegen Ausländer, Asylbewerber, Kriegsflüchtige und Nichtsesshafte
zunahm. Ich habe mich mit den vielen Facetten struktureller Gewalt in unserer
Kultur auseinandergesetzt, insbesondere mit der Gewalt von Männern gegen
Frauen....
...und eines Tages habe ich meiner
Tochter das erste mal eine geknallt.“ So beschreibt der Fachreferent in der Männerbildung in unserer
Diözese Tilman Kugler-Weigel in der neuesten Ausgabe der Zeitschrift Männer-Netzwerk
(2/2000) seine ganz persönlichen Erfahrung im Umgang mit Gewalt.
Das Thema Gewalt ist in aller Munde, d.h. zunächst
in allen Medien. Aber im alltäglichen und persönlichen Umgang wird das
Sprechen über Aggression und Gewalt immer noch tabuisiert. Scheinbar hat niemand
wirklich damit Probleme, alle sind gut drauf und haben viel Fun, solange bis es
wieder zur Explosion kommt, wie in den letzten Wochen die Familientragödien in
und um Heilbronn zeigen...
Dann macht sich Fassungslosigkeit, Sprachlosigkeit,
Wut und vielleicht Angst breit. „Wo leben wir denn?“, und „Wohin steuert
unsere Gesellschaft?“, werden sich nicht wenige fragen.
Ist das das Ergebnis der an vielen Stellen beklagten
zunehmenden soziale Kälte? Die Partner sprechen immer weniger mit einander,
menschliche Beziehungen werden oberflächlicher und unverbindlicher. Dem
Menschen bleibt somit fast nicht mehr anderes übrig, als sich ständig selbst zu
begründen. Das Leben entwickelt sich so scheinbar immer mehr zum täglichen Überlebenskampf,
jeder gegen jeden.
Der evangelische Theologe Fulbert Steffensky
schreibt dazu: „Sich selber festhalten und sich selber begründen
müssen enthält hohe Anteile von Aggressivität und Gewalt.“ Wer ständig um sein
Ansehen, seine Würde kämpfen muss, wer laut und hart sein muss, um überhaupt
wahrgenommen zu werden, wird schließlich zum Einzelkämpfer, der sich selber
dann auch zum Gesetz- und Normgeber wird. So entstehen die unheilvollen
Strudel mit großer Sogwirkung, die sich dann bis zum einem Orkan auswachsen
können, um dann gewaltvoll zu explodieren...
Wir als Christen können hier ein gewaltiges gewaltfreies Signal
setzen. Wir müssen uns nicht aus uns selber begründen. Wir können frei mit
unseren Schwächen umgehen, wir können uns unsere Ängste und Nöte erzählen,
selbst in Schuld und Sünde sind wir nicht allein . Denn wir leben aus unserem
Schöpfer, der in seinen Verheißungen uns Leben in Würde und Ansehen garantiert.
Daraus folgt für Fulbert Steffensky: „Die Freiheit vom Zwang, Garant des
eigenen Lebens zu sein, ist die Quelle der Gewaltlosigkeit.“ Wenn wir
verzichten, uns selber zu begründen, verzichten wir in der Konsequenz auf
Gewalt. Versuchen wir als Christen das in der heutigen Gesellschaft zu leben,
kann die Kirche, kann die Gemeinde vor Ort zu einer Oase der Gewaltlosigkeit
werden. Einen solchen Ort braucht unsere Gesellschaft, brauchen wir zum Leben.
Klaus-Dieter Pape, Pastoraler Mitarbeiter 5/2000