Im
Schmerz sieht die Welt anders aus (in: Heilbronner Stimme 24.10.
2003)
Einen nur schmalen Grad für die Sterbebegleitung
sieht Inger Hermann, als sie vor gut 50 Zuhörern im Heilbronner
Hans-Rießer-Haus auf Einladung des Heilbronners Hospizdienstes referierte. Die
1940 in Namibia geborene und seit über 15 Jahren in der Stuttgarter
Hospizarbeit tätige Bildungsreferentin sprach zum Thema „Wenn die Seele weh tut
– Die 4 Aspekte des Schmerzes“. Die Sterbebegleitung stehe, so Hermann, immer
im Spannungsfeld zwischen Sterbehilfe und lebensverlängernden Maßnahmen.
Selbstverständlich sei es der dringendste Wunsch des Patienten, dass die
Schmerzen aufhören, nur stellt sich die Frage, ob dazu alles erlaubt und nötig
sei? Herman vertritt vehement die These, dass bei richtiger Schmerztherapie,
der Wunsch nach aktiver Sterbehilfe sehr stark nachlässt. 80% der betroffenen
Patienten seien in unserem Land immer noch schmerztherapeutisch unterversorgt,
obwohl es in Deutschland die höchsten Kosten für die Medizin gebe.
Wissenschaftliche Studien zeigten, dass zwischen 90% und 95% aller
Schmerzpatienten schmerzfrei sein könnten.
Inger Hermann weitete daher den Blick auf die drei
anderen Aspekte des Schmerzes, deren Erkennen vor allem für die Hospizarbeit
von zentraler Bedeutung seien. In den Kliniken wird oft genug nur einseitig auf
eine mögliche körperliche Heilung geachtet, auch wenn der Patient
offensichtlich körperlich unheilbar ist. Wird der soziale, der psychische oder
der spirituelle Aspekt des Schmerzes beim Patienten nicht wahrgenommen, können
Menschen vielerlei Schmerzen leiden, obwohl sie keine körperlichen Schmerzen
haben. Wichtig sei es den Menschen, nicht „am“ Leben zu erhalten, sondern „im“
Leben. In Afrika sterbe man in der Gemeinschaft, in Deutschland oft genug sehr
distanziert, so dass Menschen an großen sozialen Schmerzen litten. Ebenso gäbe
es tiefe psychische Schmerzen z. B. wenn es „unerledigte Geschäfte“ wie einen
ungelösten Konflikt in der Familie gäbe, die sich eben mit Schmerzmittel nicht
heilen lassen. Daher fordert Hermann die innerliche Anwesenheit als Tugend für
die Begleiterinnen. Sie zitiert dazu Fulbert Steffensky: „Das Geheimnis der
Liebe ist Anwesenheit.“ Aus dem Patienten sollen wieder Menschen werden, die
sich an Lebensqualität und nicht nur Lebensquantität orientieren dürfen. Nicht
nur für einen Arzt provokant, formuliert Hermann dies so: „Das Leiden und
Sterben muss beschützt werden“.
Zudem müssen die Sterbebegleiter nicht tüchtig sein,
sondern mit ihrer ganzen Person anwesend sein und auch die Hilflosigkeit
aushalten, wenn der Sterbende nach dem Warum fragt und auch Gott in Frage
stelle. Dies sei die spirituelle Seite des Schmerzes. So gebe es auch
andererseits Menschen, die im Sterben das Unsterbliche erkennen.
Klaus-Dieter Pape