Wer es immer noch nicht sehen will, dem sei versichert: Die
katholische Kirche in Deutschland durchlebt ein Kirchenbeben. Der anfängliche Umgang
mit dem sexuellen Missbrauch ist ein Synonym für den innerkirchlichen
Reformstau, der sich in den letzten 30 Jahren wie Mehltau über das kirchliche
Leben gelegt hat. Erstarrung und offene Liebäugelei
mit dem überwunden geglaubten Fluch der kath. Kirche als „societas
perfecta“, hat die Aufbruchstimmung des Zweiten
Vatikanischen Konzils (1962 – 1965) in die Frustration und Resignation von
heute verwandelt.
Dieses Beben bringt nicht nur schon lange vorhandene Risse
ans Tageslicht, sondern bringt bisher sicher tragende Kirchensäulen ins
Wanken. Scharenweise verlassen Menschen in offiziellen Austritten die Kirche,
Männer und Frauen! Ebenso wird der innere Abschied von der bisher sicher
geglaubten Beheimatung vollzogen. Wen das nicht schmerzt, wer derzeit immer
noch voller Inbrunst von der Kirche als ein „Haus voll Glorie“ singt, der macht
die Augen zu vor der Wirklichkeit, vor den Nöten der Menschen. Der macht aber
vor allem die Augen zu vor dem eigentlichen Auftrag und der Verantwortung
der Kirche gerade in dieser Zeit: Dienerin eines liebenden Gottes für die Menschen zu sein und nicht Herrin
über die Menschen! Der Salzburger Dogmatiker Hans-Joachim Sander sieht eine
Ursache für die Krise in der Versuchung der Verantwortlichen, die Macht im
Inneren der Kirche vermehrt zu festigen, weil ihre Autorität außerhalb der Kirche
verlorengegangen ist.
Die Zeit der Selbstbeweihräucherung ist jedoch vorbei. Der
Glanz der Heiligkeit ist matt geworden. Was notwendig ist, ist der Blick auf
das einzig tragende Fundament:
„Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!“
Dieser Satz gilt zuerst der Kirche und dann der Welt! Die
Umkehr zum Evangelium befreit von der Sorge und der Angst um Besitzstandsdenken
und Macht. Die einzige Daseinsberechtigung der Kirche ist, Zeugnis abzulegen
für das eine Evangelium Jesu Christi. Und das geht nur mit dem Blick auf die ganze
Welt. „Wer glaubt, dass die Offenbarungsgeschichte Gottes sich in der
Erfahrungsgeschichte der Menschen gezeigt hat und zeigt, muss Erfahrungen
ernst nehmen und sie als Ausgangspunkt für Seelsorge wie Theologie betrachten“
(Peter F. Schmid).
Das wird die entscheidende Frage sein, wie die Krise
bewältigt werden kann. Der Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils steht
eindeutig für Aufbruch, ebenso die Grundaussagen der Würzburger Synode
(1971-1975). Liegt eine Tragik der Krise darin begründet, dass die Fragen, die
vor 40 Jahren schon die Konzilsväter und später die deutschen Bischöfe in
Würzburg aus Sorge um die Zukunft der Kirche beschäftigt haben, immer noch
nicht beantwortet sind? Die Probleme und Sorgen sind heutzutage immer noch (!) die
gleichen, nur der Druck ist erheblich größer geworden. Wollen wir das „Talent“
(=Reichtum, Mt 25,25) Evangelium ängstlich im Acker
unserer Selbstverliebtheit vergraben, damit ja nichts verloren geht, oder
wollen wir es mit Gott im Rücken freigiebig verschenken, damit wir eines Tages
selbst beschenkt werden?
Diakon Klaus-Dieter Pape 2/2011
SE-Böckingen