„Homosexualität ist weder krankhaft noch
gefährlich und gehört daher weder therapiert noch verboten“. Mit diesen
deutlichen Worten beginnt der Grazer Pastoraltheologe Peter F. Schmid seinen Leitartikel
zum Themenheft „Homosexualitäten“ von „DIAKONIA – Internationale Zeitschrift
für die Praxis der Kirche“ im September 2006.
Homosexualität
– ein Begriff, der immer noch bei vielen Menschen Argwohn und Widerwillen
auslöst; der immer noch mit unzähligen Klischees behaftet ist, die sich nicht
nur im Widerspruch zum heutigen Wissensstand in die Gedanken und Meinungen der
Stammtische, sondern auch in Lehren und Aussagen unserer Kirche eingebrannt
haben.
Was das für konkret unheilvolle Folgen nach sich
zieht, beschreibt im selben Heft sehr anrührend Joop Roeland, der seit 1998 im
Auftrag des Wiener Erzbischofs Kardinal Schönborn die Seelsorgestelle für
gleichgeschlechtlich Liebende in der österreichischen Hauptstadt leitet.
Er berichtet von den Erlebnissen, die ein Pfarrer am
Sterbebett eines alten homosexuellen Mannes gemacht hat. Sein Leben lang hat
dieser Mann seine Veranlagung verschwiegen.
Dieser alte, zutiefst gläubige Mann „hatte seine
Geschwister heiraten sehen. Er hatte gesehen, dass sie Kinder bekamen. Das
waren oft schwere Tage für ihn. Auch er hätte so gerne die Freundschaft eines
anderen erfahren. Auch er hätte so gerne jemand gehabt, mit dem er reden
konnte, dem er gegenüber ehrlich sein konnte. Auch er hätte so gerne einen Arm
um seine Schultern gespürt. Zusammen mit jemandem im Leben stehen: Aber es
durfte nicht sein. Es durfte nicht sein wegen der Menschen, wegen der Kirche,
wegen seiner Eltern und wegen ihm selbst. So durfte man nicht sein. Dann war
man gebrandmarkt und verdammt. Als alles offener wurde und die Menschen mehr
Lebensraum bekamen, waren seine Jahre vorbei. Er musste zuschauen, wie junge
Leute wohl glücklich ihren Weg gehen konnten. Er, der so gerne gewollt, aber
nicht gedurft hatte, wie gerne wäre er jung gewesen in diesen Tagen, aber seine
Tage waren vorbei.“
Was hat dieser alte Mann sein Leben lang ersehnt? „Einen
wirklichen Freund“, sagte er, kurz bevor er starb. „Es durfte nicht sein. Ich
war anders. Das war eine Schande – für meine Eltern, meine Familie und mich.“
Gehen uns da immer noch so einfach die Bibeltexte
z. B. aus dem 1. Korintherbrief über die Lippen, die zur Verurteilung von Homosexualität
so gern zitiert werden? Müssten wir dann nicht wie Paulus uns heute über
Hosentragende Frauen oder Lockentragende Männer und kurzhaarige Frauen als
widernatürlich ereifern und sie verurteilen? Natürlich und widernatürlich ist
eine gesellschaftliche Norm, die immer in den historischen Zusammenhängen
gesehen werden muss und bei denen es meistens um Fragen von Rollenzuweisung,
von Macht und Machterhalt geht. Oder propagiert die Kirche heute noch mit
fester Überzeugung das Bild vom „Mann als Haupt der Frau, die diesem untertan
sei“?
Vielen ist wahrscheinlich der Leidensdruck überhaupt
nicht bewusst, den Menschen mit homosexueller Veranlagung unterliegen, wenn sie
sich nicht dazu bekennen können, ohne Nachtteile und Ausgrenzungen befürchten
zu müssen. Es ist scheinbar immer noch einfacher Vorurteile zu pflegen, als
homosexuellen Menschen zugestehen, dass sie ebenfalls von Gott geliebte
Geschöpfe sind. Ein Zeichen des versöhnenden Geistes Jesu ist es nicht,
homosexuelle Menschen auszugrenzen und zu verachten.
Ein katholischer Theologe berichtet: „Ich habe es
mir nicht ausgesucht, dass ich emotional und sexuell auf Männer orientiert bin.
Daran kann kein Zweifel sein. Gläubig gesprochen kann und muss ich sagen: Gott
hat mich so gemacht und gewollt. Warum aber sollte er mich mit dieser
Lebenskraft und Liebesfähigkeit ausgestattet haben, wenn er nicht wollte, dass
ich diese auch lebe? Dass ich dabei mein Beziehungs- und Sexualleben genauso
verantwortlich zu gestalten habe wie alle anderen Menschen, ist
selbstverständlich.“
Dennoch erlebt er sich aber im Alltag alles andere
als frei und ehrlich: „Ich habe es mir angewöhnt, auf Befindlichkeiten
anderer Rücksicht zu nehmen, obwohl ich diese Befindlichkeiten eigentlich nicht
akzeptieren kann... Mich selbst mache ich damit zu dem Schwulen, der akzeptiert
ist, weil er nett, attraktiv, klug, kirchlich gesellschaftsfähig ist und vor
allem weil er gezielt und geschickt im richtigen Moment verschweigt, dass er
einen Mann liebt.“
Die Erde ist keine Scheibe, und Homosexualität ist
keine Krankheit.
Diakon Klaus-Dieter Pape 2/2007