Völlig enthemmt

 

In den vergangenen Wochen durchzog eine heftige (inzwischen fast schon wieder vergessene!) Diskussion unser Land, in der  politisches Machtkalkül die Führung einer demokratischen Partei scheinbar völlig enthemmt hat. Mit dumpfen, anti­jüdischen Klischees und einseitiger, pole­mischer Parteinahme sollen Wählerstim­men eingesammelt werden, die ansonsten gar nicht, oder nur extremistischen Partei engegeben werden würden. Aus einer „Drei-Punkt-Partei“  der „Besserverdienenden“ soll so eine 18%-Protestpartei werden. Sieht so die politische und gesell­schaftliche Zukunft in unserem Land aus? Hinweg mit gesellschaftlichem Konsens, hinweg mit den schmerzhaften Lehren aus der braunen Vergangenheit? Mit aller Macht an die Macht? Völlig enthemmt?

Zudem steht schon längst eine neue Reli­gion bereit, das christliche Abendland zu beerben. Markt, Markt und nochmals Markt heißt die neue Dreieinigkeit . Und: „Wir beten an die Kraft des Marktes,“ so das Grunddogma des neuen wirtschaftlichen Fundamentalismus.

Der Mensch ist inzwischen nur noch für den Markt da, nicht der Markt für den Menschen. Jeden Tag hören und sehen wir dies in allen Medien. Was dem Markt dient, ist gut, was ihm schadet, kann nicht geduldet werden. Völlig enthemmt.

Der kürzlich verstorbene José Lutzenber­ger, deutsch-stämmiger Brasilianer und zwei Jahre lang brasilianischer Umwelt­minister, sagt in einem Interview: „Die Konsumgesellschaft hat sich vorgenommen, den gesamten Planeten bis aufs Letzte zu plündern. Ständig steigende, maßlos durch ei­nen immensen Reklameapparat künstlich ge­förderte Konsumbedürfnisse, daher gewaltige Materialschlachten, die sich immer weiter aus­breiten, sind weltweit zur Religion geworden. Dieser Konsumwahn richtet sich, wenn auch meistens unbewusst, gegen die zukünftigen Generationen und die Welt... Die moderne In­dustriegesellschaft sieht im Planeten nur ein Gratiswarenlager, in dem wir uns unbegrenzt bedienen.“ Ein solcher Fortschritt ist gna­denloser Rückschritt!

Haben wir nicht das Maß in vielem verlo­ren? Es gibt keine Grenzen mehr, die es zu beachten gilt. Die Würde des Menschen ist auch in unserem Land schon längst an­tastbar geworden. Nicht erst wenn Urlau­ber sich über die bloße Anwesenheit von behinderten Menschen in einem Hotel be­schweren oder Menschen ausgeladen werden, weil sie an AIDS erkrankt sind. Völlig enthemmt.

 

Diakon Klaus-Dieter Pape  5/02