Man
könnte in diesen Wochen den Eindruck gewinnen, dass es in der bundesdeutschen
Wahlkampfpolitik nur noch ein wirksames und richtiges Rezept gibt, um
die Probleme in unserem Land in den Griff zu bekommen: die Menschen haben
sich der Arbeit absolut unterzuordnen: Vorfahrt
Arbeit. Das ist angesichts der großen Misere der Massenarbeitslosigkeit
scheinbar verständlich, selbstverständlich? Gut und richtig sei demnach alles,
was Arbeitsplätze schafft.
Die
drastische Reduzierung des Kündigungsschutzes, die selbstverständliche
Bereitschaft zur kostenlosen Mehrarbeit - auch regelmäßig am Samstag (Sonntag?)-,
die Bereitschaft sich bundesweit (selbst für Minijobs) zu bewerben, am besten
mit Zeitverträgen und zu niedrigen Einstiegslöhnen, die Bereitschaft zu
weniger Urlaub und erhöhter Selbstbeteilung im Krankheitsfall..... all das
müsse sein und würde die ersehnten Arbeitsplätze schaffen und den Menschen
dienen. Und der Forderungskatalog wird mit jedem, der fordert, länger und länger.
Doch
wo bleibt da wirklich der Mensch? Denn gleichzeitig wird genau von den selben
Personen zu recht beklagt, dass Familienstrukturen zerbrechen; dass Werte und
Vorbilder verschwunden sind; dass Menschen immer stärker an physischen und
psychischen Erkrankungen leiden; dass immer mehr Menschen mit Gewalt
reagieren, nicht nur in Schulen; dass die Suchtabhängigen stark zunehmen und
immer jünger werden; dass trotz alle dem immer mehr Arbeitsplätze wegfallen und
verlagert werden! Wissenschaftler diagnostizieren immer stärker Orientierungslosigkeit,
Bindungslosigkeit und Sprachlosigkeit unter den Menschen. Das Leben findet
oft genug nur noch virtuell statt. „Ich maile, also bin ich“, könnte
diese (Über)Lebensphilosophie heißen.
Ist
man wirklich zukunftsfähig und handelt verantwortlich, wenn man zwar von
anderen vieles fordert und einfordert, die daraus folgenden Konsequenzen aber
ausblendet? Durch solche Engführungen entstehen gefährliche Verschiebungen der
Wirklichkeit.
So
kann es heute jeden Tag geschehen, dass Menschen ihren Arbeitsplatz nicht wegen
der Unwirtschaftlichkeit ihrer Firma verlieren, sondern weil der Gewinn
vielleicht „nur noch“ bei 15% liegt und nicht mehr bei 25%, wie es die Renditenjäger
gerne hätten. Nun muss eben die gleiche oder mehr Arbeit mit weniger Personal
erledigt werden. Die einen werden „freigesetzt“ und die anderen fahren bis zur
Erschöpfung Überstunden. So entstehen einerseits zufriedene Bilanzgesichter,
andererseits bleiben ausgepumpte und ausgebrannte Seelen auf ihrer
Lebensstrecke zurück.
Ganz
geschickt wird so in der westlichen Welt an einem großem Tabu gebastelt: Man
darf die heiligen Kühe des Mammons niemals kritisieren. Man darf nicht an ihre
Verantwortung für das Gemeinwohl erinnern und erinnern, wer es erwirtschaft
hat, da man sonst verantwortungslos sei und nur noch weitere Arbeitsplätze
gefährden würde.
In
Gottes Schöpfungsordnung war mal (ist) der Mensch die Krone. Heutzutage sieht
es sehr danach aus, dass diese Ordnung auf den Kopf gestellt wird. Der
Mensch wird immer mehr zur Manövriermasse, die zuviel Kosten verursacht, die
nicht wirklich belastbar ist, sondern unberechenbar und letztlich ersetzbar
und unnötig ist.
Schöne
neue (Schein)Welt!
Wer
so abergläubisch auf Vorfahrt Arbeit setzt, hat sich von der Vorfahrt für den
Menschen verabschiedet – Und die Konsequenzen?
Diakon Klaus-Dieter Pape 7/05